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Kälberdurchfall

Kälberdurchfall zählt zu den Faktorenerkrankungen, die in der Regel ein Bestandsproblem darstellen. Verantwortlich können Viren, Bakterien und/ oder Parasiten sein, sowie eine schlechte Hygiene und falsche Fütterung.

Zu den viralen Erregern zählen überwiegend Coronaviren, Rotaviren, Toroviren und das BVD-Virus, zu den bakteriellen Auslösern E. coli, Clostridien, Salmonellen und Campylobacter und zu den parasitären Erregern Kryptosporidien, Kokzidien und Strongyloiden.

Bei den Hygiene- und Fütterungsmängeln handelt es sich überwiegend um die unzureichende Versorgung mit Kolostrum oder um einen zu geringen Immunglobulingehalt im Kolostrum, schlechte Geburtshygiene, falsche Tränketemperaturen, verschmutztes, insbesondere kotverschmutztes Futter und Wasser und falsche Zusammensetzung des Milchaustauschers.
 

Erregerspektrum und Pathogenese

Virale Erreger 

Bei Darminfektionen mit viraler Beteiligung kommt es zum Funktionsverlust der Mikrovilli im Darm, was zu einer verringerten Disaccharidoseaktivität führt. Lactose verbleibt im Darm und steigert somit den osmotischen Druck. Es kommt zu einer vermehrten Flüssigkeitsansammlung im Darm, zu Elektrolytverlusten, einer Erhöhung der Darmmotilität und schließlich zu Diarrhoe und Exsikkose.

Bakterielle Erreger

Primär oder sekundär können bakterielle  Infektionen Diarrhoe auslösen. Die beteiligten Bakterien produzieren oft Toxine, sodass die Darmschleimproduktion ansteigt. Resultierend kommt es zur Minderproduktion oder zum Sistieren der enteralen Enzymproduktion. Die erhöhte Schleimproduktion führt zu Verdünnungseffekten und die fehlende Enzymproduktion löst Fäulnis- und Gärungsprozesse, sowie verminderten Nahrungsabbau aus. Der pH-Wert ändert sich, die Elektrolytverluste und die Exsikkose nehmen zu, sodass es zur Azidose, zum Teil auch zur Sepsis kommen kann.

Zusätzlich können normale, apathogene Dickdarmbakterien wie E. coli durch Veränderungen des Darmmilieus in den Dünndarm gelangen, wo sie pathogen wirken und das Darmepithel schädigen.
 

Parasitäre Erreger

Kryptosporidien

Beim Kalb führt Cryptosporidium parvum zu Durchfall oder verschlimmert diesen. Die infektiösen Oozysten der Kryptosporidien besiedeln Ileum und Jejunum. Sie parasitieren intrazellulär und schädigen so die Enterozyten, was zu einer Malabsorptionsdiarrhoe führt. Die Darmkrypten können hyperplasieren und führen in der Folge zu einer Sekretionsdiarrhoe.

Die Inkubationszeit für eine Kryptosporidiose beträgt 6 – 7 Tage. Eine klinische Manifestation findet sich vor allem bei Kälbern mit schlechter Abwehrlage im Alter von 1 – 4 Wochen.

Kokzidien

Sind Kokzidien am Kälberdurchfall beteiligt, handelt es sich i. d. R. um Eimeria bovis oder Eimeria zuerni. Ein durch Kokzidien verursachtes Krankheitsgeschehen betrifft überwiegend Jungtiere im Alter zwischen 10 Wochen und 2 Jahren. Der Infektionsweg verläuft durch Aufnahme infektiöser Oozysten mit kotverschmutztem Futter oder Wasser. Zum Durchfall kommt es dann 1 – 2 Tage nach Oozystenaufnahme, wobei Dickdarm und Blinddarm besiedelt werden. Die Permeabilität der Darmwand steigt, es resultieren Malabsorption und Darmblutungen. Die Tiere zeigen zum Teil einen starken, wässrig-blutigen Durchfall, Anorexie, allgemeine Schwäche und können sogar sterben. Es treten jedoch auch subklinische Verläufe auf. Unabhängig von der Verlaufsform werden als Folge der gestörten lokalen Immunabwehr häufig sekundäre Infektionen und Kümmern beobachtet. Die Erregereinschleppung erfolgt durch den Ankauf infizierter, subklinischer Trägertiere.

Strongyliden

Andere Endoparasiten, wie z. B. Strongyloides papillosus (= Zwergfadenwurm) sind zwar für Kälber nur wenig pathogen, aber ein massiver Befall, wie er bei schlechten Hygienebedingungen auftreten kann, kann Krankheitssymptome wie Atmungs- und Verdauungsstörungen mit intermittierendem Durchfall, aber auch Kümmern verursachen. Zusätzlich treten durch die Lungenwanderung der Parasiten Lungenschädigungen auf, die in Kombination mit bakteriellen und/oder viralen Infektionen Pneumonien auslösen können.

Behandlungsempfehlung

Symptomatische Therapie 

Bei Kälberdurchfall handelt es sich in den meisten Fällen um Mischinfektionen.  Da das Durchfallgeschehen aber unabhängig vom Erreger die gleichen Symptome und Folgen nach sich zieht, ist eine symptomatische Therapie wichtig. Exsikkose, Hypoglykämie und Azidose, die unabhängig voneinander verschieden stark ausgeprägt sein können, müssen behandelt werden.

Therapeutisch essentiell ist es, zu Beginn der Therapie den Wasserhaushalt durch Flüssigkeitszufuhr und die Elektrolytverluste durch Elektrolyttränken auszugleichen. Gute Rehydratationspräparate sollten Glucose als Energieträger enthalten und Puffersubstanzen, um der metabolischen Azidose entgegen zu wirken. Der Glucosegehalt darf jedoch nicht so hoch sein, dass es zur osmotischen Wirkung kommt. Zugesetzte Puffersubstanzen dürfen die Milchverdauung nicht beeinträchtigen, da in mehreren Studien gezeigt werden konnte, dass Absetzen der Milchtränke bei Durchfallkälbern obsolet ist. Empfehlenswerte Puffersubstanzen sind Acetat und Propionat, die - im Gegensatz zu Citrat und Bicarbonat - die Labgerinnung nicht negativ beeinflussen.

Bei leichten bis mittelschweren Durchfallgeschehen ist eine orale Rehydratation, die in die Milch oder den Milchaustauscher eingemischt wird,  meist ausreichend, vorausgesetzt die Kälber trinken noch. Wird keine Tränke mehr selbständig aufgenommen, müssen die bestehenden Verluste durch eine Infusion ausgeglichen werden. Bei rechtzeitiger Therapie setzt die Trinkbereitschaft schnell wieder ein.
 

Antibiotische Therapie

Zum Nachweis welche Erreger am Krankheitsgeschehen beteiligt sind, ist eine Kotuntersuchung durchzuführen. Die bakteriologische Untersuchung und ein Resistenztest erlauben gegebenenfalls einen gezielten Einsatz wirksamer Antibiotika. Bei einer Einzeltierbehandlung erfolgt die Verabreichung oral oder als Injektion, bei einer Gruppenbehandlung häufig als Futterzugabe. Allerdings wirken Antibiotika nur gegen Bakterien, nicht aber gegen andere beteiligte Erreger.

Als wirkungsvoll gegen Mischinfektionen mit bakterieller Beteiligung haben sich unter anderem Gyrasehemmer aus der Gruppe der Fluorchinolone erwiesen. Verschiedene Fluorchinolone sind wirksam gegen ein breites Spektrum gramnegativer und grampositiver Bakterien sowie Mykoplasmen und weisen eine günstige Resistenzsituation auf. Zu  beachten sind die Vorgaben der Tierärztlichen Hauspaotheken Verordnung sowie die Antibiotika-Leitlinien der Bundestierärztekammer (BTK).
 

Antiparasitäre Therapie

Zur Therapie bei Kryptosporidien und Kokzidien stehen spezielle Therapeutika zur Verfügung. Gegen Kryptosporidien ist der Wirkstoff Halofuginon verfügbar und gegen Kokzidienbefall ist unter anderem Toltrazuril zugelassen, das auch metaphylaktisch verwendet werden kann. Durch eine rechtzeitige Intervention kann die Kokzidiose erfolgreich kontrolliert und wirtschaftlichen Verlusten vorgebeugt werden.

Gegen Strongyloiden werden Breitbandanthelminthika eingesetzt. Verwendet werden können zum Beispiel Präparate mit dem Wirkstoff Levamisol aus der Gruppe der Imidazothiazole oder auch Benzimidazole oder makrozyklische Laktone.
 

Schmerzhemmende Therapie

Zusätzlich sollten bei Fieber oder akuten Erkrankungen entzündungshemmende Substanzen (Nichtsteroidale Anti-Inflammatorische Medikamente (NSAID´s)) eingesetzt werden. Diese führen zu einem Rückgang der Darmspasmen, einer Besserung des Allgemeinbefindens und einer Reduzierung des Flüssigkeitsverlustes.

Metaphylaxe / Prophylaxe

Kokzidienmetaphylaxe

Kokzidien gelten als ubiquitär vorkommend. Kälber infizieren sich an Artgenossen und an Oozysten aus der Umgebung. Da die Kokzidiose stets als Gruppenerkrankung auftritt und auch subklinische Verlaufsformen auftreten, kommt metaphylaktischen Maßnahmen eine besondere Bedeutung zu.

Zur Metaphylaxe der Kokzidiose ist ebenfalls der Wirkstoff Toltrazuril zugelassen. Durch den metaphylaktischen Einsatz können hohe wirtschaftliche Verluste begrenzt oder sogar gänzlich vermieden werden.
 

Mutterschutzimpfung

Prophylaktisch können gegen Infektionen mit Rotaviren, Coronaviren und E. coli Muttertierimpfungen durchgeführt werden. Dadurch bildet das Muttertier vermehrt Antikörper, die über das Kolostrum an das Kalb abgegeben werden. So ist das Kalb besser gegen die Erreger geschützt, bis es in der Lage ist, seine eigene Körperabwehr aufzubauen. Wichtig hierbei ist die frühzeitige Gabe und ausreichende Versorgung des Kalbes mit Kolostrum.

Management

Als weitere wichtige Prophylaxemaßnahmen sind die Einhaltung strenger Hygiene- und optimaler Fütterungsbedingungen anzusehen. Für Mutterkühe sollten getrennte, saubere Abkalbeplätze geschaffen werden, insbesondere für Erstkalbende. Erkrankte Kälber sollten mit der Mutterkuh isoliert werden, Tränkeeimer und –nippel sollten nach jeder Tränke gründlich gereinigt werden, die Kälberboxen vor der Neubelegung desinfiziert werden und das verabreichte Futter und Wasser möglichst sauber sein.

Wirtschaftliche Bedeutung

Die Durchfallproblematik bei Kälbern ist hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Bedeutung nicht zu unterschätzen. Neben den direkten Kosten durch Tierverluste sind auch indirekte Kosten wie der Mehraufwand für die Versorgung erkrankter Tiere und weitere Folgeschäden bedeutsam. Oft Kümmern die Kälber selbst nach überstandener Krankheit.
 

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Kälberdurchfall Rinder
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